Vom Brot – um das wir täglich bitten

11. September 2020 Aus Von Wandereremitin

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Vom Brot um das wir täglich bitten

 

Wir schreiben das Jahr 2009. Für mich ein Lebensjahr, in welchem ich mich noch in einer Klause inmitten des Berliner Stadtteils Alt-Tegel aufhalte. Direkt am See und ausreichend Mußestunden zur Verfügung, mich einmal explizit zum Heiligen Schriftwort meiner „Zürcher Bibel“ (1907-1931) nun ebenso auch in deren Anmerkungen zu vertiefen. 

 

Das vollziehe ich ein Jahr lang eher unbeeindruckt, bis ich eines Morgens einen Eintrag finde, mit dem alle Verunsicherung in mir über die aktuelle Aussage des Lehramtes der Kirche bzw. der deutschen Schriftübersetzung der Zeile aus dem „Vaterunser … dein Reich komme … unser täglich Brot gib uns heute“ (Vgl. Mt 6,10-11; Lk 11,2-3), endlich sein Ende findet. 

 

Über ein Jahrzehnt kämpfte ich mit jener Diskrepanz in mir, dass der Sohn in dem ewigen Vater, Jesus Christus, den Jüngern allen Ernstes aufgetragen haben soll, den „Abba-Vater“ nunmehr alltäglich um „Brot“ anzubetteln. Wo Er doch daselbst bei sämtlichen anderen Begebenheiten das genaue Gegenteil lehrt, fordert und/oder verkündet:

 

„… der Mensch lebt nicht vom Brot allein.“

(5. Mos 8,3; Mt 4,4; Lk 4,4)

„… Macht euch also keine Sorgen und fragt nicht: Was sollen wir essen?“

(Mt 6,31)

„Denn das Leben ist mehr als die Nahrung …“

(Lk 12,22-23) 

„Warum macht ihr euch Gedanken darüber, dass ihr kein Brot habt,

ihr Kleingläubigen …

 Warum begreift ihr nicht, dass ich nicht von Broten zu euch 

gesprochen habe?“ 

(Mt 16,8-11)

 

Aus diesem Grunde betete ich das „Vaterunser“ stets auf Lateinisch und ansonsten in meiner Muttersprache nur, wo ich mich dazu aufgefordert fand. Wenn ich es auf Latein verrichte, ist mir das Numinose dieses hochheiligen Gebetes eher präsent. Ja, schwingt mir der Klang in dieser Sprache um ein Vielfaches vollendeter mit, als im deutschen Wortlaut. Und nicht zuletzt bedeutet „Anrufung Gottes“ mir auch stets, dass Ansinnen, Wort und Geste derweil eins sind im Einklang mit der Seele, beim Aufblick in dem sakralen Namen Jesu Christi zum ewigen Vater hin. 

 

Diese Einstimmigkeit nunmehr in versammelter Gemeinschaft zu erreichen, ist mir nie gelungen. Hintergrund – nicht zuletzt – für mein Dasein als Wandereremitin. Denn schon der einzelne Beter ist heute kaum eines Sinnes mit sich selbst, so erst recht nicht „ein Herz und eine Seele“ (Vgl. Apg 4,32) mit seiner Gebetsgemeinschaft. Zumeist ist er in seinen Gedanken zerstreut, unfähig von daher die Seele zu erheben, und derweil er mit dem Munde spricht: „Vater unser im Himmel …“, durchdenkt er mit dem Verstande indes den Tagesablauf, seine Korrespondenz oder Speisepläne. Aber nicht nur fehlende Fokussierung verhindert die Eintracht allen (gemeinschaftlichen) Gebetes – und somit Erhörung –, sondern stets auch das unterschiedliche Verständnis über die Bedeutung des einzelnen Wortes, wie eben bei der Bitte „… unser täglich Brot gib uns heute“. Der eine verbindet mit diesem Ersuchen an den ewigen Vater die reale Speise – Vollkorn- oder Weizenbrot, Fleisch, Fisch, Eier, Milch –, ein anderer versteht hierbei schon das „geistige Brot“ – die geistliche Kost, vermittels Schriftwort, Meditation, kreativem Werk und/oder Geschehnissen des Tages. Indes dazwischen und daneben finden sich zudem noch ebenso viele Betrachtungsweisen, wie es eben Menschen gibt auf Erden. Ergo: Nur weil eine Gruppe von Betern zum Gebet versammelt ist, heißt das nicht zugleich, dass sie dabei auch „eines Herzens“ zusammen sind. Könnten wir all die Gedanken sehen, die unterdessen innerhalb der Köpfe einer Gebetsgruppe entstehen, wir wären sicher äußerst überrascht, was wir da alles sähen.

 

Salomo wünschte sich von Gott nur Weisheit „… um zu unterscheiden, was gut und böse ist“ (ZB 1. Kön 3,9) – und: 

 

„Es gefiel dem Herrn, das Salomo einzig diese Bitte aussprach. 

Und Gott sprach zu ihm: Weil du um solches bittest und bittest nicht um langes Leben, auch nicht um Reichtum noch um den Tod deiner Feinde,

sondern um Einsicht, das Recht zu verstehen, 

so tue ich nach deinen Worten …

Dazu gebe ich dir auch, was du nicht erbeten hast.“ 

(1. Kön 3,10-13)

 

Und der eingeborene Sohn in dem ewigen Vater, Jesus Christus, lehrte späterhin ebenso: 

 

„Und ich sage euch: ‚Bittet, so wird euch gegeben … Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, wieviel mehr wird der Vater im Himmel den heiligen Geist denen geben, die ihn bitten!‘.“

(Lk 11,9–13) 

 

So meint mir folglich ebenso das „Gebet des Herrn“ nicht etwa Wunscherfüllung im Sinne von materiellen Besitztümern, Gesundheit, langes Leben oder Feindbekämpfung und dergleichen, sondern insgesamt „gut bezeugt“ (wie die Anmerkung meiner Zürcher Bibel explizit hervorhebt) statt der heute deklarierten Bitte vom, „Reich“ und/oder „Brot“, eindeutig jene überlieferte:

 

„Dein Heiliger Geist komme auf uns, und reinige uns.“ 

 

Und diese Bitte nunmehr, ist schlussendlich de facto nur zu logisch, denn bekanntermaßen: 

 

„Kommt kein Unreiner, je in das Reich Gottes hinein.“

(Vgl. Joh 3,5; Lk 13,28; Lk 18,17; Lk 9,62; Mk 9,47; Eph 5,5)